Der spanische Gefangene
Diese Art von Betrug scheint zu bestimmten historischen Momenten in Erscheinung zu treten, in denen Unsicherheit, Umbrüche und Chaos die Menschen beschäftigen und prägen. Eine Schlussfolgerung kann sein, dass viele Menschen, die auf diese Betrugsart hereinfielen — und auch heute noch hereinfallen —, Mitleidende oder Mit-
streiter_innen sind, die nach einer alten Ordnung und
Regelmäßigkeit suchen.
Ergänzend muss erwähnt werden, dass Joana
Hadjithomas und Kahlil
Joreige im Gespräch mit Brian Kuan Wood, dem Interviewführenden im e-Flux journal The Internet Does Not Exist, noch weitere Gründe nennen, warum Menschen auf Betrugsmaschen hereinfallen. So beschreibt Joana Hadjithomas, dass sie im Interview mit einem ehemaligen Scammer immer wieder die Antwort bekam, dass die Gier der betroffenen Person nach Wohlstand, eine innere Hoffnung für ein besseres Leben und der Glaube an das Schicksal eine entscheidende Rolle für den Erfolg eines Scams darstellen.

Mein Herr Der Vicomte von der Graf von der Marquis von (man pflegte den Namen einer bekannten und kürzlich verbannten Persönlichkeit zu benutzen) zu Diensten dessen ich als Kammerdiener war, entschied sich zu flüchten vor der Wut seiner Feinde, der Revolutionären; wir retteten uns, aber wir wurden sozusagen auf der Spur verfolgt und wurden festgenommen, als wir noch nicht sehr weit von Ihrer Stadt waren; wir wurden gezwungen, unseren Wagen, unsere Koffer, also unser ganzes Gepäck, liegen zu lassen; wir konnten dennoch eine kleine Truhe, in der sich der Schmuck von Madame befand und 30.000 Francs, retten; aber da wir fürchteten, in Besitz dieser Gegenstände festgenommen zu werden, begaben wir uns in einen abgelegenen Ort, jedoch nicht weit von demjenigen, wo wir gezwungen wurden zu halten; nachdem wir den Plan gezeichnet hatten, begruben wir unseren Schatz, dann verkleideten wir uns, gingen in Ihre Stadt und fanden in dem Hotel _ Unterkunft. (…) Sie kennen wahrscheinlich die Einzelheiten der Festnahme meines tugendhaften Herren und auch seines traurigen Endes. Ich hatte mehr Glück als er und konnte Deutschland erreichen. Aber das grauenhafteste Elend hat mich bestürmt und ich entschloss mich, nach Frankreich zurück zu kommen. Ich wurde festgenommen und nach Paris geführt; aufgrund eines falschen Passes wurde ich an die Ketten gelegt und jetzt nach einer langen und grausamen Krankheit befinde ich mich in dem Krankenrevier von Bicêtre. Bevor ich nach Frankreich zurück kehrte hatte ich vorsichtshalber den Plan, um den es geht, in dem Futter eines Koffers versteckt, der sich glücklicherweise noch in meinem Besitz befindet. In der furchtbaren Lage, in der ich bin, glaube ich, ohne verurteilt zu werden, einen Teil der in der Nähe Ihrer Stadt begrabenen Summe, verwenden zu dürfen. Unter vielen Namen, die wir, mein Herr und ich, in dem Hotel gesammelt haben, entscheide ich mich für Sie. Ich habe nicht die Ehre, Sie persönlich zu kennen, aber der Ruf der Integrität und Güte, den Sie in Ihrer Stadt genießen, ist für mich eine sichere Garantie dafür, dass Sie die Mission, womit ich Sie beauftragen möchte, sehr gern erfüllen werden, und das Sie sich gegenüber einem armen Gefangenen, der nur auf Gott und auf Sie vertraut, ehrenhaft zeigen werden. Ich bitte Sie darum mein Herr, mich wissen zu lassen, ob Sie mein Angebot annehmen. Wenn ich dieses Glück hätte, wenn es Ihnen genehm ist, würde ich Mittel und Wege finden, um Ihnen den Plan zukommen zu lassen, so dass Sie nur noch die Truhe ausgraben bräuchten; Sie würden deren Inhalt in Ihren Händen behalten; Sie würden mir nur das, was ich, um meine unglückliche Situation zu erleichtern brauchen würde, zukommen lassen.

§ 419
§ 419a
§ 419b

Advance
Fee
Scam

Aber warum Nigeria?
Inwieweit sind die zeitgenössische Korruptionskultur Nigerias und die vorkolonialen Konzepte von Ehre und Schenken verwurzelt? In Fragen der öffentlichen Verwaltung wurden europäische Kriterien und Normen in der Kolonialzeit in Westafrika aufgezwungen, durchgesetzt und von indigenen Bevölkerungsgruppen auf unterschiedliche Art und Weise aufgenommen. Die bestehenden Vorstellungen von kulturellen Werten und Pflichten mischten sich mit den neuen Wertesystemen. Die nigerianische Bevölkerung nutzte vor der Kolonialisierung Geld, allerdings war ihr Wirtschaftsystem nicht kapitalistisch ausgerichtet. Der Handel war untrennbar mit einer Reihe moralischer und religiöser Verpflichtungen verbunden. Feilschen war bei Markttransaktionen aufgrund des Fehlens standardisierter Gewichte und Maße normal. Die Umstrukturierung der Gesellschaft durch den Kolonialismus wurde von einem nigerianischen Kommentator als »Überfallkomplex« d. h. sanktionierten Diebstahl von außen bezeichnet. Vor der Kolonialisierung galten die Regel der Ehre und des Geschenkaustauschs. Selten wurde zwischen öffentlichem und privatem Reichtum unterschieden. Der Kolonialismus eröffnete neue Bereiche des sozialen und wirtschaftlichen Raums. In diesen Raum brachten die Menschen ihre Wertvorstellung aus dem vergangenen System ein.

Die Einwohner_innen betrachteten das Kolonialregime als korrupt, da sie die Kolonien für die Entwicklung ihrer Heimatländer in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Portugal, Spanien, Italien und Belgien ausbeuteten. Nkrumah benutzte für die entstandenen Kolonialstaaten die Metapher des Elefanten, der durch den Busch krachte und sich satt aß. Da dieses große Tier außerhalb der Gesellschaft war, konnte es von jedem getötet und gefressen werden. Ken Saro-Wiwa ist einer der bekanntesten nigerianischen Schriftsteller, der sich mit dem Thema befasst hat. Er beschreibt die Machenschaften der Politiker_innen in der frühen nationalistischen Zeit. In seinen Schriften werden die Plünderung der natürlichen Ressourcen, die Privatisierung staatlicher Institutionen, und das Wachstum privater Armeen kritisch beleuchtet.

Die Geschichten, die in Scams erzählt werden, reihen sich in eine Tradition der betrügerischen Schreiben ein. Als Urformen des Online Scams können die Briefe, die unter dem Namen Der spanische Gefangene oder der Jerusalem-Brief bekannt waren, zugeordnet werden. Die Jerusalem-Briefe beziehen sich auf einen Betrug, dessen Ursprung sich in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts verorten lässt. Die Mechanismen dieser Briefe untersuchte Eugène-François Vidocq in seinem 1836 erschienenen Buch mit dem Titel Die Betrüger. Er beschreibt darin die Ursprünge dieser Briefe. Laut Vidocq drücken diese Dokumente die Nostalgie für das alte Regime aus, die einige Franzosen nach der Revolution empfanden.01 Die Namensgebung lässt sich auf die Straße Rue de Jerusalem des Gefängnisses in Paris zurückführen. Die meisten Betrüger_innen versendeten diese Briefe aus dem Gefängnis heraus.